Bitfinex und Tether bekommen Vorladung von US-Regulierern

Nun zweifelt wohl auch eine US-Behörde an der vollständigen Deckung der Dollar-Substitute Tether. Die Folgen eines Ausfalls für die Märkte könnten dramatisch sein. Oder ist das alles nur Panikmache? Wir erklären die Hintergründe der neuesten Gruselmeldung um die Tether-Dollar.

Die Vorladung wurde schon vor einem Monat ausgestellt, schaffte es aber erst jetzt mit einem Bloomberg-Artikel in die Medien. Und zwar hat die “Commodity Futures Trading Commission” (CFTC) am 6. Dezember eine Vorladung an Bitfinex und Tether geschickt. Die CFTC ist eine amerikanische Regulierungsbehörde, die die Future- und Optionenmärkte beaufsichtigt.

Warum die beiden Firmen die Vorladung erhalten haben, ist derzeit nicht bekannt. Vermutlich geht es aber darum, dass Bitfinex und Tether die sogenannten “Tether” herausgegeben haben. Dies sind Token auf der Bitcoin- und der Ethereum-Blockchain, die Dollar oder Euro repräsentieren. Tether behauptet, dass alle Dollar oder Euro vorhanden sind und auf einem Bankkonto liegen (mehr dazu: das Tether-Labyrinth).

Bitfinex und Tether hängen laut Bloomberg eng zusammen. Ein Sprecher von Bitfinex habe am 3. Dezember erklärt, dass Jan Ludovicus van der Valde CEO von beiden Firmen ist, während durch die geleakten Panama Papers herauskam, dass Bitfinex’ Chief Strategy Officer Phil Potter auch Direktor von Tether ist. Dies passt gut zu der Beobachtung, dass das massenhafte Ausgeben neuer Tether erst im vergangenen Jahr begann, nachdem Bitfinex massive Probleme bekam, Dollar ein- und auszuzahlen, und den Großteil der Dollar-Transaktionen durch Tether-Transaktionen ersetzt hat. Der genaue Anteil der Tether an den Dollar-Transaktionen der Börse ist aber nicht bekannt.

Bitfinex ist aber nur ein Teil der Tether-Geschichte. Dollar sind für so gut wie alle Kryptobörsen ein unangenehmes Kapitel, das durch die im vergangenen Jahr verschärften Regularien der USA noch haariger wurde. Einige der umsatzstärksten Börsen der Kryptomärkte handeln Dollar dementsprechend ausschließlich als Tether. Darunter sind OKEx, Binance, Huobi, Bittrex, HitBTC, Poloniex und mehr. Mithilfe von Tether können die Börsen die wichtigen Dollar-Währungspaare anbieten, ohne die Mühe auf sich zu nehmen, mit einer Bank zu kooperieren. Das ist natürlich praktisch, führt aber dazu, dass weite Teile des Ökosystems Tether vertrauen müssen.

Im Grunde verhält sich die Tether-Konstruktion ähnlich wie das System von Bretton Woods: Die ganze Welt hat darauf vertraut, dass die US-Regierung genügend Gold in ihren Tresoren hatte, um den Wert des Dollars und damit aller anderen Währungen zu erhalten. Nur muss man bei Tether keiner Regierung vertrauen, sondern einer privaten Firma, die ihre Bankkonten vom langen Arm der US-Regierung verbergen muss.

Schon seit langem bestehen Zweifel, ob Tether die Token tatsächlich vollständig mit Dollar deckt. Diese Zweifel werden umso gewichtiger, je mehr Dollar-Token Tether erzeugt. Allein in den vergangenen zwölf Monaten stieg die Anzahl der Tether-Dollar von etwa 25 Millionen auf nun mehr als 2,2 Milliarden. Seit November 2017 wurden rund 1,8 Milliarden Tether-Dollar herausgegeben, davon fast eine Milliarden im Januar. Damit hat Tether in diesem Monat mehr Dollar gedruckt als die Vereinigten Staaten von Amerika, die “nur” 540 Millionen erzeugt haben.

Die Entstehung neuer Tether. Quelle: Coinmarketcap.com

Kritische Beobachter unken schon länger, dass die Ausgabe neuer Tether regelmäßig einem Anstieg des Bitcoin-Preises vorangeht, und dass mit schöner Regelmäßigkeit neue Tether-Pakete onchain gehen, wenn der Preis fällt. Tether werden, so diese Perspektive, genutzt, um die Krypto-Märkte zu manipulieren. Der ganze gigantische Aufschwung, den wir seit November erleben und bestaunen, begründet sich dieser Theorie nicht auf einer echten Nachfrage nach Kryptowährungen, sondern lediglich durch die Liquidität, die durch eine ungedeckte und entfesselte Herausgabe von Tether in die Märkte injiziert wurde.

Alles nur das Werk von Tether? Die unglaubliche Rally der letzten drei Monate hat die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen von 180 auf kurzzeitig fast 800 Milliarden Dollar gehoben. Quelle: Coinmarketcap.com

Auf der anderen Seite kann man einwenden, dass es für die Börsen – und auch für deren Banken – eine gute Strategie ist, Dollar zu bunkern und Tether zu verwenden, um die alltäglichen Transaktionen abzuwickeln. Je mehr Turbulenzen auf dem Markt sind, sowohl im Guten wie im Schlechten, desto höher ist die Nachfrage nach diesen Dollar-Token. Die Menge an Tether ist demnach nicht Ursache, sondern Folge der wilden Marktgeschehnisse. Das Kapital, um Tether im Umfang von mehreren Milliarden herauszugeben, dürften die Börsen nach einem irrsinnig erfolgreichen Jahr 2017 haben.

Die Wahrheit kann man vermutlich nur auf eine Weise erfahren: Indem man eine Prüfung der Bankkonten von Tether vornimmt. Genau dies sollten eigentlich die Wirtschaftsprüfer der New Yorker Agentur Friedmann LLP erledigen. Noch im September 2017 konnten die Prüfer den Kontostand von Tether einem internen Dokument zufolge bestätigen, allerdings bleibt es fraglich, ob sie tatsächlich die Bankkonten prüfen konnten, da Tether diese im entsprechenden Dokument geschwärzt hat. Ein endgültiges Audit, das auch die seitdem erzeugten Tether einbezieht, liegt jedoch nicht vor. Die Kooperation zwischen Bitfinex / Tether und Friedmann LLP wurde vor kurzem beendet. Laut Tether sei sie nicht machbar, weil Friedmann “eine quälend detailreiche Prozedur vornimmt.”

Somit endet die Tether-Geschichte also damit, dass es irgendwo ein mysteriöses Bankkonto gibt, auf dem 2,2 Milliarden Dollar liegen, oder auch nicht liegen, und dass wir nicht viel mehr als das Wort von Tether / Bitfinex haben, dass alle Tether durch Dollar gedeckt sind. Im System von Bretton Woods wurden die Zweifel daran, dass die US-Regierung genügend Gold in ihren Tresoren hatte, irgendwann so stark, dass es nicht mehr möglich war, den Goldpreis auf den Börsen im vereinbarten Korridor zu halten. Kurz danach klappte das System von Bretton Woods auseinander.

Bei Tether scheinen solche Zweifel noch sehr zart zu sein. Kraken ist die einzige Börse, die das Währungspaar US-Dollar gegen Tether-Dollar anbietet. Hier fiel der Kurs zwar in den letzten Tagen vorübergehend auf 93 cent, doch er konnte sich wieder einfangen und schwabbert nun um die 99 cent herum. Das ist noch einigermaßen stabil.

Tether-Preis bei Kraken.

Welche Folgen die Vorladung der US-Aufsicht haben wird, ist derzeit noch schwer einzuschätzen. Ebenso ist es schwer abzuschätzen, welche Folgen ein Zusammenbruch des Tether-Systems auf die gesamten Märkte haben kann. Da es viele große Börsen gibt, die durch Tether die Dollar-Liquidität herstellen, könnte es aber verheerende Kettenreaktionen geben, die sich auf alle Kryptomärkte auswirken. Aber all das ist noch reine Spekulation.